Ein Morgen im Regenwald – Auf den Spuren des Lichts zwischen Wasserfällen und Schmetterlingen

BVO 5369 1 683x1024

Der Morgen auf Ilhabela beginnt nicht mit einem Wecker, sondern mit einem Chor. Grillen, Vögel, Frösche, das leise Tropfen der Nachtfeuchtigkeit von den Blättern – ein Konzert, das den Tag ankündigt, bevor die Sonne es überhaupt versucht.

Ich stehe früh auf, Kamera im Anschlag, noch bevor der erste Kaffee gekocht ist. Die Luft ist schwer und süß – nach Erde, Salz und Blütenstaub. Das Licht bricht sich zaghaft durch den Dunst, in feinen Strahlen, die wie unsichtbare Fäden zwischen den Baumstämmen hängen. Für einen Fotografen sind diese Minuten das reinste Gold.

Das Licht findet seinen Weg

Der Pfad zum Cachoeira do Gato beginnt harmlos – ein schmaler Weg durch dichten Wald. Doch schon nach wenigen Metern spürt man, dass dieser Ort eine eigene Energie hat. Es ist, als würde der Wald atmen. Jeder Schritt klingt dumpf auf feuchtem Boden, und überall bewegt sich etwas – ein flatternder Flügel, ein Rascheln im Laub, das leise Summen von Leben.

Ich bleibe oft stehen, einfach um zuzusehen, wie das Licht sich verändert. Morgens ist es noch kühl und blass, fast schüchtern, doch sobald die Sonne höher steigt, wird es kräftig, warm und satt. Es malt goldene Ränder an jedes Blatt, fängt sich in Wassertropfen, die wie kleine Spiegel auf Blüten liegen.

Ein blauer Schmetterling – ein Morpho, groß wie meine Hand – zieht seine Kreise um mich, als wolle er mich an die richtige Stelle führen. Ich halte den Atem an, drücke ab. Klick. Und in diesem Moment weiß ich: kein Foto kann je den Zauber dieses Sekundenbruchteils wirklich einfangen. Aber es kann mich daran erinnern, dass ich da war.

Der Ruf des Wassers

Je näher ich dem Wasserfall komme, desto lauter wird das Rauschen – ein tiefes, vibrierendes Geräusch, das man im Bauch spürt. Der Cachoeira do Gato fällt in mehreren Kaskaden in die Tiefe, umgeben von moosbedeckten Felsen. Das Licht bricht sich in der Gischt, Regenbögen flackern auf und verschwinden wieder.

Ich baue mein Stativ auf, spiele mit langen Belichtungszeiten. Die Welt verschwimmt zu Bewegung, Wasser wird zu Nebel, Zeit zu einem einzigen sanften Atemzug. Und für einen Moment gibt es nichts außer dem Klang des Wassers und das Klacken des Verschlusses.

Momente, die bleiben

Als ich den Rückweg antrete, ist das Licht schon härter, die Farben greller. Doch in mir hallt die Stille des Morgens nach – dieses Gefühl, Zeuge von etwas Ursprünglichem gewesen zu sein.

Fotografie ist manchmal nur der Vorwand, sich zu verlieren – und dabei zu finden.
Ilhabela schenkt genau das: Räume, in denen das Licht Geschichten schreibt und man selbst nur der Beobachter bleibt.


Nächstes Kapitel:
Zwischen Inselstraßen und Gesichtern – Begegnungen im Rhythmus von Sonne und Salz.

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert