Viele Menschen in Deutschland kennen das Gefühl gar nicht, wenn ein Zug kommt.

Und noch viel weniger kennen sie das Gefühl, wenn er direkt auf einen zufährt.
In Hanoi ist das kein theoretisches Gedankenspiel, sondern Realität – mitten in der Altstadt, in der legendären Train Street. Eine schmale Gasse, Cafés, kleine Tische, niedrige Hocker. Man sitzt da, trinkt seinen Kaffee, ist eigentlich völlig entspannt – bis man dieses Geräusch hört.
Ein Horn.
Nicht laut, aber eindeutig.
Ab diesem Moment läuft alles automatisch. Weggehen ist keine Option, dazu ist es viel zu eng. Also zieht man die Füße ein, kontrolliert noch einmal die Taschen, rückt den Stuhl ein paar Zentimeter zurück und denkt sich: Okay, jetzt einfach passieren lassen.
Und dann kommt er.
Der Zug rauscht an dir vorbei. Nicht irgendwo, sondern so nah, dass man den Fahrtwind spürt. Man glaubt vorher, das dauert nur einen kurzen Augenblick. Doch dieser Moment zieht sich. Er ist erstaunlich lang, fast berauschend, während dieser Koloss aus Stahl scheinbar endlos an dir vorbeifährt. Das Gehirn schwankt irgendwo zwischen „Das ist völlig verrückt“ und „Wie gut, dass ich das gerade erlebe“.
Das Schönste daran: Man ist nicht allein. Um einen herum sitzen andere Touristen, Café- und Restaurantbetreiber, Menschen, für die dieser Moment Alltag ist – und trotzdem jedes Mal etwas Besonderes bleibt. Nach dem Zug wird gelacht, durchgeatmet, jemand klopft auf den Tisch, und der Kaffee schmeckt plötzlich noch ein kleines bisschen besser.

Wir waren mehrmals dort. Und jedes Mal war es wieder gleich intensiv. Vielleicht gerade deshalb, weil man wusste, dass diese Tage gezählt sind. Die Train Street soll Geschichte werden, der Zugverkehr verlagert, der Ort verändert. Vernünftig, sicher – und trotzdem ein leiser Abschied von etwas Echtem.
Wir hatten Glück. Wir waren noch rechtzeitig da, fast so, als hätte man das Finale eines besonderen Kapitels miterlebt. Dieses Erlebnis bleibt. Nicht nur in Bildern, sondern als Gefühl. Eines, das man immer wieder erzählen wird – sehr wahrscheinlich öfter, als es ein einzelner Blogbeitrag je könnte.
Lebe jetzt, nicht später.
Denn wenn der Zug kommt, dann zukünftig an einem anderen Ort.
Die Train Street hat uns gefallen – und wir sind dankbar, dass wir sie noch so erleben durften. 🚆✨


Schreibe einen Kommentar