Warum also ein Fully-Gravel?

Gravelbike

Es ist schon wahnsinnig lustig da draußen in der Fahrradindustrie.

Als ich die Welt des Radfahrens für mich neu entdeckt habe – nicht als Kind auf dem Kinderrad, sondern bewusst, mit dem Kauf eines Fully-Mountainbikes – war das Millennium noch in weiter Ferne. Damals kamen die ersten wirklich guten Fullys auf den Markt. Mit „gut“ meine ich, dass die Komponenten technisch so weit entwickelt waren, dass das Bike feinfühlig gearbeitet hat und richtig Spaß gemacht hat. Federung war nicht mehr nur da, sie hat funktioniert.

Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, ist das eine wahnsinnige Zeitspanne. Man hat sich weit von der Steinzeit der Fahrradentwicklung entfernt, Motoren finden sich heute an nahezu jeder Radgattung. Und gleichzeitig sieht man Menschen, die sich mit dem Gravelbike durch Wälder quälen.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass es sehr viele gibt, die Gravel fahren, weil es ein Trend ist. Man macht mit, weil man mitmachen muss, um „cool“ zu sein. Es geht oft gar nicht darum, etwas zu tun, das einem selbst wirklich Spaß macht. Vielmehr zählt das Bild vom Rad auf irgendeinem Gipfel – am besten im Selfie-Format.

Das eigentlich Lustige daran ist jedoch, dass ich aus eigener Erfahrung sagen muss: Auf ruppigen Wegen ist ein Gravelbike so unangenehm, dass einem am Ende eher die Hände schmerzen als auf einem vollgefederten Mountainbike. Genau deshalb ist die aktuelle Entwicklung auch kaum verwunderlich. Positiv fand ich zunächst, dass Federgabeln für Gravelbikes auf den Markt kamen. Doch inzwischen werden Gravelbikes sogar zum Fully weiterentwickelt.

Was mich am Gravelbike ursprünglich am meisten begeistert hat, war das Hardtail-Prinzip. Der Druck auf dem Pedal wird nahezu 1:1 auf den Reifen übertragen. Beschleunigung fühlt sich direkt an, nicht gedämpft, nicht geschluckt – genau das macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.

Das Fully-Thema am Gravel wirkt auf mich deshalb wie eine Art Defibrillator, um einen Trend künstlich in die Länge zu ziehen. Einen Trend, der vermutlich abflachen würde, wenn Fanboys und -girls nach der Tour merken, dass auch dieser Sport unangenehme Seiten hat.

Ja, Gravelbikes sind toll. Sie machen Spaß, Asphaltpassagen sind schnell erledigt. Aber genau dafür braucht es kein Fully-Gravel. Die meisten gehen allein schon wegen der Haltung, die man auf dem Gravelbike einnimmt, erst gar nicht richtig ins Gelände. Und selbst wenn: In der noch vergleichsweise gemütlichen Position sind die Bremsen nicht optimal erreichbar – im Gelände jedoch essenziell.

Warum also ein Fully?

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