Es gibt Orte, die man nicht einfach besichtigt, sondern erlebt. Mỹ Sơn war für mich genau so ein Ort. Schon die Fahrt dorthin führt durch sattes Grün, vorbei an Reisfeldern und Hügeln, bis sich plötzlich zwischen Bäumen und Nebelschwaden rote Ziegeltürme zeigen. Still stehen sie da, als hätten sie die Jahrhunderte nur geduldig beobachtet.








Mỹ Sơn war über viele Jahrhunderte das spirituelle Zentrum des Champa-Reiches. Vom 4. bis ins 13. Jahrhundert hinein errichteten die Cham hier Tempelanlagen zu Ehren des Gottes Shiva. Es war kein zufälliger Bauplatz, sondern ein bewusst gewähltes Tal, umgeben von Bergen, die fast wie natürliche Wächter wirken. Religion, Macht und Kosmos verschmolzen hier zu Architektur.
Was mich besonders faszinierte, war die Bauweise. Die roten Ziegel sind so präzise gefügt, dass man kaum erkennt, womit sie verbunden wurden. Bis heute ist nicht vollständig geklärt, welche Technik die Cham verwendeten. Manche vermuten spezielle pflanzliche Harze, andere sprechen von einer besonderen Brenntechnik. Wenn man mit der Hand über die warmen Steine streicht, spürt man förmlich das handwerkliche Wissen einer Kultur, die hier ihr Zentrum erschuf.









Zwischen den Türmen finden sich Reliefs mit Tänzerinnen, Göttern und Mischwesen. Es sind keine rein dekorativen Elemente, sondern Ausdruck einer Weltanschauung. Shiva erscheint als Zerstörer und Erneuerer zugleich, als Kraft, die den Kreislauf des Lebens verkörpert. Während ich dort stand, dachte ich nicht nur an Vietnam, sondern plötzlich an einen ganz anderen Kontinent.
Unweigerlich kamen mir die Maya-Stätten in den Sinn, etwa Copán in Honduras. Auch dort ragen Tempel aus dem Dschungel. Auch dort erzählen Reliefs von Göttern, Mythen und kosmischen Ordnungen. Und auch dort spürt man diese eigentümliche Mischung aus Monumentalität und Vergänglichkeit.







Natürlich weiß man, dass zwischen Südostasien und Mittelamerika keine belegten direkten Kontakte bestanden. Die Ozeane trennten die Kulturen. Und doch steht man in Mỹ Sơn und fragt sich, wie es sein kann, dass Formen, Muster und spirituelle Ausdrucksweisen sich so ähnlich anfühlen. Sind es universelle Symbole? Entstehen ähnliche architektonische Lösungen, wenn Menschen versuchen, das Göttliche greifbar zu machen? Vielleicht entwickeln sich vergleichbare Antworten ganz unabhängig voneinander, weil die Fragen überall dieselben sind.
Mich hat besonders das Zusammenspiel von Natur und Bauwerk berührt. In Mỹ Sơn wie auch in den Maya-Stätten scheint der Dschungel kein Feind der Architektur zu sein, sondern ihr Partner. Wurzeln umschlingen Mauern, Moos legt sich über Ziegel und Steine. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch errichtet hat, und doch bleibt etwas bestehen. Eine Idee. Ein Gedanke. Ein Ausdruck von Weltverständnis.
Als ich durch das Tal von Mỹ Sơn ging, fiel Sonnenlicht durch das Blätterdach und zeichnete helle Flecken auf die alten Mauern. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass Geschichte hier nicht vergangen ist, sondern gegenwärtig bleibt. Man spürt die Zeit, ohne dass sie schwer wirkt. Es ist eher ein stilles Staunen darüber, wozu Menschen fähig sind, wenn sie von Glauben, Vision und Gemeinschaft getragen werden.
Wer Mỹ Sơn besucht, erlebt mehr als eine archäologische Stätte. Man erlebt ein Echo der Menschheit. Und wer irgendwann einmal zwischen den Tempeln der Maya stand und später hierher kommt, wird dieses Echo wiedererkennen. Erst wenn man beide Welten gesehen hat, begreift man wirklich, wie erstaunlich ähnlich sich Kulturen entwickeln können, obwohl Ozeane zwischen ihnen liegen.
Man versteht dann, dass Distanz nicht zwingend Unterschied bedeutet. Manchmal bedeutet sie nur, dass Menschen auf verschiedenen Kontinenten denselben Himmel betrachteten – und versuchten, ihn in Stein oder Ziegel zu übersetzen.


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